Erworbene Prosopagnosie

Charcot und Wilbrand haben bereits in der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts über einen Patienten geschrieben, der berichtete seinen Hund mit seinem Doktor verwechselt zu haben. Der Ausdruck Prosopagnosie wurde allerdings erst hundert Jahre später geschaffen, als Bodamer (1947) bei Veteranen des zweiten Weltkrieges eine Beeinträchtigung der Gesichtserkennung beschrieb. Keiner dieser Patienten litt ausschließlich an einer Prosopagnosie, allerdings machten diese Studien Bodamer derart bekannt, dass er nach wie vor in jedem Artikel, der über Prosopagnosie erscheint Erwähnung findet.
Einer dieser Patienten verlor die Fähigkeiten seine engsten Bekannten wieder zu erkennen andererseits erkannte er Hitler, aufgrund seiner Frisur und des Schnauzers sofort. Bodamer bemerkte, dass seine Patienten nach ihren Verletzungen Personen mithilfe von Details des Gesichtes und Mithilfe anderer Kompensationsmechanismen, beispielsweise anhand der Stimme oder charakteristischen Eigenschaften der Person (Ellis, 1996) zu erkennen vermochten. Die erworbene Störungsform kann durch mannigfaltige Faktoren verursacht werden und beeinträchtigt selten exklusiv die Gesichtserkennung. Einer dieser seltenen Patienten war einer von Henley und Rains (1999), der aufgrund einer Meningitis, die er kurz nach seiner Geburt erlitt, die Fähigkeit verlor sich selber oder die Gesichter seiner Eltern zu erkennen. Seine Objekterkennung, sprachliche Fähigkeiten sowie Erinnerungsleistungen bewegten sich in einem normalen Rahmen oder waren zumindest nicht so beeinträchtigend, als das es sich insofern äußerte die Gesichtserkennungsstörung erklären zu können. Die erworbene Form kann in drei Subtypen unterteilt werden. Die geläufigste Einteilung ist die in die Subtypen der apperzeptiven und assoziativen Prosopagnosie (Damasio, Tranel, & Damasio, 1990). Im ersten Fall sind niedrigschwellige Ebenen der Erkennungsleistung beeinträchtigt, im zweiten Fall ist der Zugang zu semantischen Informationen beeinträchtigt. Die erworbene Prosopagnosie wurde lange als eine besondere Chance gesehen, die Mechanismen der normalen Gesichtserkennung beleuchten zu können. Aufgrund des verbesserten Zugangs zu Gesundheitssystemen für Patienten mit Hirnverletzungen oder -schädigungen ist die erworbene From der Prosopagnosie relativ häufig zu beobachten (heutzutage ist es normal einen Schlaganfall zu überleben, der ein paar Jahrzehnte vorher zum sicheren Tod geführt hätte). Wieso auch immer ist die kongenitale Prosopagnosie sehr viel seltener (wenngleich auch nicht so selten wie ursprünglich angenommen).