Kompensationen

Soziale Schwierigkeiten, die eine angeborene Prosopagnosie mit sich bringt, zeigen sich schon sehr früh im Leben der Betroffenen. Kinder beginnen die Erkennung von Gesichtern zu nutzen, um ihre Eltern/Erziehungspersonen auszumachen & mit ihnen zu interagieren. Später, wenn die Kinder zur Schule gehen, ist die Fähigkeit Gesichter zu erkennen wichtig, um Freunde zu finden und soziale Fähigkeiten zu entwicklen. Auch während der menschlichen Reifung spielt die Gesichtserkennung eine wichtige Rolle um einen Partner zu finden, Karriere zu machen, sowie soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Die Fähigkeit Gesichter zu erkennen begleitet uns also durch unser Leben. Doch ist diese Fähigkeit beeinträchtigt, ist unser gesamtes Leben davon betroffen. Dalrymple et al. interviewten acht Kinder mit entwicklungsbedingter Prosopagnosie und deren Eltern. Die Auswertung dieser Interviews zeigte, dass sowohl Kinder als auch Eltern ihre Erfahrungen in drei ähnliche Kategorien einordneten. Die Kinder gaben als erste Kategorie das Bewusstsein ihres Problems an. In die zweite Kategorie fallen verschiedene Bewältigungsstrategien und als drittes beschrieben die Kinder ihre (hauptsächlich negativen) sozialen Erfahrungen, die sie aufgrund ihrer Situation machten. Parallel dazu benannten die Eltern ebenso 3 Hauptthemen: 1) „Ich wünschte ich könnte verstehen“, 2) „Ich wünschte ich könnte meinem Kind helfen damit umzugehen“, 3) „Es ist schwer zu wissen, dass mein Kind damit Probleme hat“.
In diesem Interview sprachen sie über ihre Geschichten und Erlebnisse, welche sie aufgrund dieses Defizits erfuhren, was die emotionalen, psychologischen und sozialen Herausforderungen bedingt durch Prosopagnosie genauer hervorhebt. Zum Beispiel erzählte ein Elternpaar, dass ihr Sohn nur einen Freund in der Schule hatte; in dieser Klasse gab es mit einer Ausnahme nur weiße Kinder und diese eine Ausnahme war der Freund ihres Sohnes, nämlich ein indischer Junge – denn diesen konnte er von den anderen unterscheiden (Dalrymple, és mtsai., 2014).
Im Folgenden betrachten wir eine Fallstudie. Wir haben einen Jungen und seine Mutter, beide mit kongenitaler Prosopagnosie. Aus dem Interview lassen sich 4 Hauptaspekte ableiten: 1) Karriere/akademische Laufbahn, 2) persönliche Sicherheit, 3) interpersonale Beziehungen, 4) Entwicklung von Bewältigungsstrategien. Die Mutter, beispielsweise, sucht sich oft Jobs, in denen sie hauptsächlich nicht mit Kunden von Angesicht zu Angesicht interagieren muss, während der Junge oft Probleme hat in der Schule seine Klassenkameraden und Lehrer zu erkennen.
Auch die Sicherheit zeigt sich problematisch: besonders überfüllte Plätze sind gefährlich, da die zwei Schwierigkeiten haben, sich wiederzufinden, wenn sie sich verlieren sollten. Daher sind in der Vorbereitung vereinbarte Treffpunkte notwendig. Trotzdem sind es die sozialen Situationen, worauf die Prosopagnosie den meisten Einfluss auf das Leben nimmt: ihr Freundeskreis ist stark begrenzt, sie bestehen meist nur aus wenigen Leuten, wobei es nicht das Problem ist Freundschaften zu knüpfen, sondern vielmehr diese Menschen später wiederzuerkennen. Besonders schwierig ist es für einen pubertierenden Jungen, der oft als unfreundlich abgestempelt und von den anderen ausgeschlossen wird, aufgrund seines vermeidenden/distanzierten Verhaltens. Um diese Probleme zu überstehen, haben sich beide einige Bewältigungsstrategien überlegt. Frisur, Kleidung, Gangart, Stimme, sowie vereinbarte Treffpunkte sind Schlüsselfaktoren um Menschen wieder zuerkennen. Weiterhin präferieren sie Konversationen in kleinen Gruppen, anstatt direkte, face-to-face Interaktionen, da dies ihnen ermöglicht zuzuhören, ohne diese bestimmte Person anhand
ihres Namens identifizieren zu müssen. Außerdem verwenden beide ausgiebig das Internet für ihre sozialen Kontakte, da sie ihre Interaktionspartner einfach über deren Namen oder Email-Adresse identifizieren können. Solche Situationen sind beispielhaft für die enorme Variabilität sozialer Schwierigkeiten, die Prosopagnosie mit sich bringt und Auswirkungen auf die Karriere aber auch sozialen Möglichkeiten der Betroffenen haben kann. Eine frühe Diagnose und, viel wichtiger, ein steigendes Bewusstsein für die Umgebung sowie die Anwendung von hilfreichen Strategien können die Lebensqualität dieser Menschen verbessern. Diesen Prozess zu erleichtern ist eine wichtige Zielsetzung für Experten (Psychologen, Lehrer, Schulangestellte, etc.) (Diaz, 2008).