Prosopagnosie

Von Geburt an sind wir umgeben von Gesichtern. Verwandte, Freunde, Kollegen; glückliche, traurige, junge, alte, attraktive, verängstigte Gesichter; mit einer neuen Frisur, einer Brille, ohne Bart, 25 Jahre älter, etc. Trotz all dieser sich ständig verändernden Faktoren, können wir unsere Bekannten selbst in einer großen Ansammlung von Menschen leicht wiedererkennen. Obwohl es für die meisten von uns nicht schwierig ist all die Züge und Merkmale eines Gesichtes rasch zu erfassen, sowie Gesichter und deren Eigenschaften zu erkennen, ist es eine Herausforderung eine Software zu entwickeln, welche in der Effektivität und Kapazität den menschlichen Wahrnehmungsprozessen von Gesichtern gleicht. So ist die Frage, wie die Wiedererkennung von Gesichtern bei Menschen funktioniert nicht nur von theoretischer Bedeutsamkeit für Maschinen oder psychologische Untersuchungen, sonder auch für einige Menschen von uns eine praktische Herausforderung, der sie täglich gegenüber stehen.
Gesichtserkennungsschwächen oder Prosopagnosie sind in der Forschung eine der interessantesten neuropsychologischen Erkrankungen, wobei eine zwar seltene, aber ausgeprägte Form angeboren ist, ohne jegliche neuronalen Verletzungen. Von eine angeborene Prosopagnosie sind mindestens 2 von 100 Personen betroffen, wie die neusten Befunde zeigen. Dem „Gesetzt der großen Zahl“ zufolge bedeutet das, dass von beispielsweise 300 Freunden in einem Ihrer Accounts der sozialen Medien, Sie 5 bis 6 Ihrer Freunde nicht erkennen würden, würden Sie sich auf der Straße begegnen. Aber warum ist das so?
Wie kommt es, dass Sie dies noch nicht erkannt haben beziehungsweise wie können die Betroffenen ihr „Problem geheim halten“? In unserem Informationsmaterial werden Sie viel darüber erfahren können, auch über die Störung im Allgemeinen. Auf unserer Compensations Page können Sie sich über die sozialen Schwierigkeiten einer Person mit Gesichtserkennungsschwächen, die sich auch auf enge Verwandte und die eigene Person ausdehnt, informieren. Durch die Untersuchung der neuronalen Mechanismen, die hinter der Schwierigkeit Gesichter wiederzuerkennen steht, könnten wir ebenso die normalen Prozesse einer solchen Wiedererkennung verstehen.
Das Verständnis der psychologischen und neuronalen Hintergrundmechanismen, sowie die Entwicklung möglicher Behandlungsmethoden sind besonders wichtig, seitdem Befunde vermuten lassen, dass angeborene Prosopagnosie vererbbar sein könnte. Das Wort Prosopagnosie kommt aus dem griechischen und setzt sich zusammen aus den Wörtern prosopon (Gesicht) und agnosia (nicht wissen). Menschen mit Prosopagnosie haben große Schwierigkeiten bekannte Gesichter wiederzuerkennen. Diese Erkrankung kann nicht ausschließlich durch das Gedächtnis, den
Intellekt oder geringe visuelle Defizite erklärt werden, wie genauso wenig eine Verbindung mit visuellen Wahrnehmungsschwierigkeiten besteht.
Dies äußert sich darin, dass prospagnostische Personen Objekte erkennen können und die Probleme nur bei Gesichtern oder kategorischen Prozessen, die sich auf Gesichter beziehen (z.B. Geschlecht, Emotionen, Identität, Attraktivität, Ähnlichkeit, Mundbewegungen, etc.) zeigen.
Bodamer beschrieb als erster diese Störung 1947 anhand 3 Veteranen aus dem 2. Weltkrieg. Einer von ihnen war nicht einmal im Stande einen seiner engsten Bekannten zu
identifizieren, konnte allerdings sofort Hitler wiedererkennen, aufgrund seiner einzigartigen Frisur und Schnauzers.
Oliver Sacks veröffentlichte ein Buch mit dem Titel „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ („The Man Who Mistook His Wife for a Hat“) und trug somit am meisten dazu
bei, die Gesellschaft auf Prosopagnosie aufmerksam zu machen. Der Mann in diesem Buch ist ein Patient Sacks, der seine Füße mit seinen Schuhen verwechselte und seine Frau und
Studenten nicht an ihren Gesichtern, sondern nur an deren Stimmen und ihrer Gangart ausmachte.

FFA & OFA

Auch wenn Sacks berühmter Patient seine Frau mit einem Hut verwechselte, haben Menschen mit Prosopagnosie eine intakte Fähigkeit Gesichter zu unterscheiden; zumindest Gesichter und Objekte, Schwierigkeiten Gesichter Personen zuzuordnen bestehen allerdings.
Auch wenn die von Bodamer, Sacks und anderen beschriebenen Patienten ähnliche Symptome aufweisen, können die Hintergrundmechanismen doch gänzlich verschieden sein.
Prosopagnosie leitet sich aus einer selektiven Verletzung oder Dysfunktion des visuellen Systems im Gehirn ab. Besonders betroffen sein müssen die tieferen temporalen/okzipitalen kortikalen Areale, FFA (fusiform face area) und OFA (occipital face area). Menschen mit Prosopagnosie, die nicht aufgrund einer Gehirnverletzung erkrankten, haben schon von Geburt an Probleme Gesichter wiederzuerkennen. Dieser Typ der Störung wird gemäß der Literatur als angeborene Prosopagnosie bezeichnet.

Über die letzte Dekade hinweg haben mehrere Studien die perzeptuellen Fähigkeiten von Personen untersucht, welche unter Gesichtswahrnehmungsschwächen leiden, um damit die normale Gesichtserkennungsprozesse zu verstehen. Unser Beitrag hierzu besteht in dem Versuch neue Methoden und Experimentaldesigns zu entwickeln, wofür es für uns essentiell ist mit Personen zu arbeiten, die ebenfalls Probleme haben Gesichter wiederzuerkennen. Damit dies zustande kommt, gibt es diese Website, die die Menschen über die Störung informieren soll. Wenn Sie das Gefühl haben, Sie sind nicht sehr gut darin Menschen wiederzuerkennen oder wenn Sie denken, Sie sind eben besonders gut darin, kontaktieren Sie uns hier.
Füllen Sie unseren Online Fragebogen aus und geben Sie Ihre Kontaktdaten an. Wir werden Sie kontaktieren, sobald Ihre Daten ausgewertet wurden. Wenn bei Ihnen der Verdacht auf
Prosopagnosie bestehen sollte, bieten wir Ihnen die Möglichkeit an, Sie genauer und kostenlos in unserem Labor zu untersuchen, wo wir den Typ, sowie die exakten Eckdaten der Störung zusammentragen und daraus ein personalisiertes Feedback Ihres Ergebnisses aufbereiten. Sollten Sie also Interesse daran haben, Ihre Fähigkeiten zur Gesichtserkennung online zu testen, registrieren Sie sich hier und bearbeiten Sie unsere Tests!
Vielen Dank für Ihre Teilnahme!